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Goethe

Noch kein Kapitel: nur ein Anfang

Um mal einfach anzufangen

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Was Goethe alles (nicht) war

Goethe (1749-1832) war kein Philosoph, Goethe war kein Universalgenie, Goethe war kein Naturforscher, er war auch kein Wissenschaftler: sehr wahrscheinlich war er nicht einmal ein netter Kerl.

Goethe war ein verwöhnter Sohn aus reichem Hause, der nie eine Schule besucht hat, der nur mit Schwierigkeiten einen Studienabschluss schaffte, der sich nie einer irgendwie gearteten Anpassung zu unterwerfen hatte: Goethe war ein freier Mann – und darum war Goethe wohl auch in so manchem, das uns im Folgenden beschäftigen wird, ein ausgemachter Querkopf!

Goethe wird mit seinem „Götz“ (1773) in ganz Deutschland bekannt und mit dem „Werther“ (1774) auf einen Schlag weltberühmt: Im frühen Mannesalter von nur 25 Jahren ist Goethe bereits Goethe: das literarische Genie.

Anderen Vielen ging es leider nicht so: krassestes Beispiel: Franz Kafka, um einmal den Blick auf einen anderen zu lenken, der Ungeheures schuf in deutscher Sprache: Kafka war zeit seines Lebens nicht Kafka. Von Mozart ließe sich, zumindest in dessen eigener Wahrnehmung, Gleiches sagen. Auch andere erhielten erst von ihrer jeweiligen Nachwelt die ihnen zukommende Be-Achtung: Villon, Grabbe, Melville und andere.

(Nur ganz nebenbei: Franz Kafka verband eine merkwürdige Beziehung zu Goethe und Weimar. 1912 (zur Zeit seines 29. Geburtstages) besuchte er die Stadt und unterließ es, wenn er am Goethe-Haus war, nie, eine Hand an das Gemäuer zu legen („Anrühren der Mauer“.)

Kafka übernachtete mit Max Brod im Hotel „Chemnitius“ (in der Geleitstraße 12a) und nahm sein Frühstück in dem Raum ein, der Weimar-Besuchern heute ganz einfach zugänglich ist: Darin befindet sich nämlich – seit Jahren – das bekannte Restaurant und Café „Anno 1900“.

Und dann letztlich auch noch dieses, weil es zu Weimar-Buchenwald gehört unaufhebbar: Am 3. Juli 1943 begeht Kafkas Lieblingsschwester Ottla dessen 6o. Geburtstag, den Kafka – wem immer es zu danken ist – selbst nicht mehr erleben musste, im KZ Theresienstadt. Im Oktober desselben Jahres begleitet Ottla als freiwillige Hilfskraft eine Gruppe von Kindern nach Auschwitz-Birkenau, wo sie kurze Zeit später ermordet wird.)

[Lassen wir uns hier einige Augenblicke Zeit, zu bedenken, welch problematischer Nation wir und sie alle, mit denen wir uns hier beschäftigen wollen, angehören. Ich bin ganz sicher, dass, hätten sie diese Zeit erlebt, sie sich von Herzen schämen würden: ein „Mangel an politischem Anstand“ wie wir das im Nachkriegsdeutschland haben erleben müssen, wäre ihnen sicher nicht unterlaufen.

Aber auch dieses: Ich bin auch ganz sicher, dass der von manchen streng gescholtene „Fürstenknecht“ Goethe das Land der Nazi-Barbaren bei allererster Gelegenheit eilends und ohne Wiederkehr verlassen hätte! Wir werden uns im Weiteren, so hoffe ich und leg‘s auch darauf an, verdeutlichen können, dass dies nicht nur eine Mutmaßung ist, die man dem Klassiker Goethe schuldig zu sein meint, sondern dass sich das handfest begründen lässt.]

Goethe ist wie Einstein und wenige andere schon zu Lebzeiten ein Name, ein Begriff, eine Marke: wie Dr. Oetker oder Persil. Das macht es ihm einfach. Schon der kleine Bub, der, von seiner Schwester geleitet und von der Mutter in allem, was er tut, belobigt wird, lernt früh, ganz nach seiner eigenen Façon zu leben. Und der frühe literarische Erfolg des jungen Mannes tut sein Weiteres dazu.

Und das hat Folgen, Auswirkungen, die uns hier zu beschäftigen haben. Wofür immer Johann Wolfgang (von) Goethe sich hielt, niemand war in der Lage, es ihm auszureden. Niemandem konnte es gelingen, ihn etwas anderes zu lehren, als er selbst schon wusste.

Wenn er dann mal etwas von anderen annahm, dann war die Anlage dazu schon in ihm vorhanden, dann musste das in ihm schon irgendwo vorgelegen haben.

Im besten platonischen Sinn der Anamnesis lernte Goethe nicht, er entwickelte, vielleicht besser und angreifbarer: Goethe gebar alles aus sich selbst heraus.

Die Gewissheit, damit richtig zu liegen, also in irgendeinem Sinn des Wortes: recht zu haben, übermannte ihn schon, als er dachte, was er dachte. Die Selbstgewissheit, die sich selbst gewisse Sicherheit seines Urteilens war sein steter Begleiter: Sonst hätte er wohl auch nicht das vollbringen können, was ihm gelang.

Nichts und niemand konnte ihn davon abbringen, das nun einmal von ihm Gedachte in Zweifel zu ziehen. Da ihm seine (!) Gedanken und Vorstellungen klar und deutlich und so gewiss vor seinem Bewusstsein standen, war es ihm unmöglich, anderes auch nur in einen weiteren Betracht zu ziehen.

Wenn wir uns heute angewöhnt haben, zu denken, dass jede Betrachtung immer nur eine unter einer gewissen Perspektive sein kann, so war für Goethe ganz klar, dass sein Erfahren von Welt ein nicht in Frage zu stellendes Bild des Gegebenen bedeute. Und er meinte sogar, dass das nun einmal so in der Natur der Dinge angelegt sei.

usw.usf.

s. nebenan

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